Schiffskaperungen und Prisenpapiere
Zeugnisse aus dem Alltag globaler Verflechtungen in der Frühen Neuzeit - Reihe "Wir forschen. Für Sie"
Schiffskaperungen in Kriegszeiten waren legal, solange das gekaperte Schiff einer gegnerischen Nation angehörte. Um dies nachträglich vor Gericht prüfen zu können, beschlagnahmte die Kapermannschaft alles an Bord des gekaperten Schiffs – persönliche Briefe und Gegenstände, Schiffspapiere, Waren, Noten, Tagebücher, Inventare, Kleidung, Karten, Malereien – und übergab dieses Kapergut an den zuständigen Admiralitätsgerichtshof in London. Hier wurde es zusammen mit den begleitenden Gerichtsakten in ca 4000 Boxen lange unberührt aufbewahrt, darunter 160.000 private Briefe neben Akten zur Geschichte der Sklaverei. So ist ein einzigartiges Archiv mit Dokumenten und Objekten globalen Ursprungs entstanden, das eine völlig neue Perspektive auf die Erforschung der Europäischen Expansion, des Kolonialismus, kolonialer Verflechtungen, Gewalt und Emotionen erlaubt. In ihrem Vortrag wird Prof. Freist das Forschungspotential dieser Überlieferung an konkreten Beispielen beleuchten und das Projekt insgesamt vorstellen.
Dagmar Freist ist seit 2004 Professorin an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und hat in Freiburg, Heidelberg und Cambridge studiert. Die Forschungsschwerpunkte der in Cambridge promovierten und in Osnabrück habilitierten Historikerin sind die frühneuzeitliche Globalgeschichte mit Schwerpunkten in religiöser Pluralisierung, Öffentlichkeit und politischer Kultur. Ihre jüngste Publikation resümiert die Entwicklung, Methoden und Theorien der Mikrogeschichtsforschung in Deutschland und ist im Juni 2026 im Bloomsbury Handbook of Microhistory erschienen. Freist leitet drei interdisziplinäre Forschungsverbünde, darunter das Akademieprojekt Prize Papers, an den Schnittstellen der historischen Frühneuzeitforschung, der Digital History und KI-Anwendungen. Das Projekt gehört zur Niedersächsischen Akademie der Wissenschaften zu Göttingen und kooperiert mit dem Nationalarchiv in London, dem Deutschen Historischen Institut London und den IT-Diensten der Verbundzentrale des Gemeinsamen Bibliotheksverbunds Göttingen. Projektstandort ist Oldenburg.
Datum: 23. Juni 2027
Ort: Akademiegebäude, Vortragssaal
Beginn: 18:15 Uhr
Vortrag: Prof. Dr. Dagmar Freist (Oldenburg/Göttingen)
Die Veranstaltung ist öffentlich, der Eintritt ist frei.
Galeone auf gerissenem Pergament