Dictionnaire onomasiologique de l'ancien gascon (DAG)

Laufzeit: 1962 bis 2021

 

Der DAG (Dictionnaire onomasiologique de l’ancien gascon) und der DAGél (Dictionnaire d'ancien gascon électronique) erfassen auf breiter Grundlage den ältesten dokumentierten Sprachstand des Gaskognischen (11.-15. Jh.). Bei den ausgewerteten Quellen handelt sich um dokumentarische Textsorten (Urkunden, Register, Stadtrechte), da im Mittelalter keine Belletristik und nur vereinzelt religiöse Literatur und Fachtexte in der Gaskogne verfasst wurden. Diese Eigenart, die z.B. auch das Sardische oder das Frankoprovenzalische auszeichnet, ist letztlich der Grund, warum der ältere gaskognische Wortschatz nie systematisch aufgearbeitet wurde und warum der DAG eine der grossen Forschungslücken der Romanistik füllt.

Das Gaskognische ist eine markante Varietät in der Romania, die neben dem Französischen, dem Frankoprovenzalischen (Lyon, Grenoble, Westschweiz, Aosta-Tal) und dem Okzitanischen eine der vier Ausprägungen des Galloromanischen darstellt. Es ist typologisch und genetisch im grösseren Zusammenhang des Okzitanischen, des Katalanischen und des Aragonesischen zu sehen, also im Übergang von Gallo- zu Iberoromania. Eine besondere Nähe zum Okzitanischen (Südokzitanisch: Languedocien und Provençal, Nordokzitanisch: Arverno-Limousin und Dauphinois) ist unverkennbar, zugleich aber auch eine Reihe relevanter Unterschiede. Man kann davon ausgehen, dass das (Proto)Gaskognische schon um ca. 600 seine charakteristischen Spezifika im Bereich des Lautstands herausgebildet hat (cf. Chambon/Greub 2002, 489). Dazu gehört auch bereits die Aussprache [b] für /v/, die Joseph Justus Scaliger (1540-1609) später zu dem berühmten Wortspiel über die Gascogner verleitete: Felices populi, quibus vivere est bibere.

Verschiedene externe Faktoren haben das Gaskognische linguistisch geprägt: Seine Randlage in der Galloromania, am Atlantik und am Nordabhang der Pyrenäen, der frühe Kontakt mit dem Baskischen und eventuell auch anderen nicht indogermanischen Sprachen, drei Jahrhunderte unter englischer Herrschaft (1152-1451/53), dann aber auch die geographische, politische und infrastrukturelle Nähe zum südfranzösischen Macht- und Kulturzentrum Toulouse.

Trotz der unbestrittenen linguistischen Sonderstellung des Gaskognischen ist der DAG das erste lexikographische Unternehmen, das spezifisch dieser Varietät gewidmet ist. In der Anfangszeit (ab 1955) unter der Leitung von Kurt Baldinger noch parallel zum DAO (Dictionnaire onomasiologique de l’ancien occitan) geführt, wurde die Redaktion des DAOs im Jahr 2006 nach der Ausarbeitung eines neuen Konzepts durch Jean-Pierre Chambon (DAG_1300), gestoppt. 2014 wurde neben der – kondensierten – Druckversion des DAG ein erweitertes und neu konzipiertes elektronisches Wörterbuch unter der Leitung von Martin Glessgen und in Zusammenarbeit mit Sabine Tittel unternommen (DAGél). Der DAGél läuft seither als paralleles Projekt zum DAG_1300.

Die onomasiologisch orientierte Betrachtungsweise mit ihrem Darstellungsprinzip nach Wortinhalten erschließt die Lexik des administrativen und juristischen Korpus besonders anschaulich in Bezug auf Gesellschaft, Wirtschaft und Alltagskultur einer mittelalterlichen bisher wenig erforschten Sprachgruppe. DAG/DAO sind die ersten begrifflich gegliederten Wörterbücher zur linguistischen Situation im gesamten südfranzösischen Sprachraum des Mittelalters.

Das Projekt konnte Ende 2021 mit der abgeschlossenen Publikation des Wörterbuchs erfolgreich beendet werden.

 

Entstehungsgeschichte des DAG und methodologische Eckdaten

Die Erarbeitung des DAGs begann unter der Leitung von Kurt Baldinger (1955-2006), der neben der Herausgabe des DAGs die parallele Erarbeitung eines Altokzitanischen Wörterbuchs vorsah (DAO/DAO Suppl). Im Jahr 2006 wurde das Projekt von Jean-Pierre Chambon neu konzipiert: Neu wurde im DAG_1300 (2006-2020) auf die parallele Redaktion des DAO verzichtet, da das Okzitanische mit dem Lexique roman ou dictionnaire de la langue des troubadours von Raynouard, dem Provenzalischen Supplement-Wörterbuch von Levy, dem Französischen etymologischen Wörterbuch von Wartburg und dem Dictionnaire de l’occitan médiéval (DOM) schon ungleich grössere Beachtung gefunden hatte. Zudem wurde die zeitliche Beschränkung auf die Anfänge der gaskognischen Scripta bis 1300 verkürzt und auf die Angabe der latinisierten und regionalfranzösischen Formen verzichtet. Seit 2014 läuft mit dem DAGél (Konzept und Leitung Martin Glessgen, unter Mitwirkung von Sabine Tittel) ein paralleles Projekt, dessen Ziel die Digitalisierung, Redaktion und elektronische Veröffentlichung des gesammelten lexikographischen Materials ist. Im Konzept des DAGél wurde der zeitliche Rahmen wieder bis 1500 erweitert und die Berücksichtigung der latinisierten altgaskognischen Formen sowie der delexikalischen Ortsnamen neuerlich eingeführt (cf. Glessgen/Tittel 2018 PDF).

 

Die typologische Klassifikation des Gaskognischen

Bislang gibt es kein Wörterbuch, das den Wortschatz der altgaskognischen Sprache separat oder auch nur in einer irgendwie befriedigenden Form darstellt. Das einzige umfassende lexikographische Werk ist ein Wörterbuch zum Teilgebiet des Bearnesischen und der Mundart von Bayonne aus dem 19. Jh. (cf. Lespy/Raymond 1887), das in einer 1997 unwesentlich überarbeiteten, aber nicht erweiterten Neuauflage vorliegt.

Es ist beim aktuellen Forschungsstand schwierig zu entscheiden, ob Gaskognisch als eigene Sprache oder als Varietät des Okzitanischen zu werten ist. Auch wenn diese Frage für die Erforschung des Gaskognischen ohne entscheidende Bedeutung ist – die Varietät verdient auf jeden Fall die volle Aufmerksamkeit der Sprachgeschichte und -geographie (cf. Rohlfs 1970, 1) –, hat sie viele Forscher beschäftigt. Der Ursprung dieser Diskussion reicht sogar bis ins Mittelalter zurück, wo das Gaskognische bereits als eigene Sprache verstanden wurde, zumindest in Abgrenzung zur Hochsprache der Troubadours: In den Leys d’Amors, einem grammatikalischen und poetologischen Kompendium von ca. 1350 zählte es für den okzitanischen Autor als lengatge estranh zu den Fremdsprachen, aufgeführt neben Französisch, Englisch, Spanisch und "Lombardisch". Nur wenige Linguisten, wie Achille Luchaire (1879, 193), Kurt Baldinger (1962, 331f) oder Georges Straka (1987, 408) klassifizierten in neuerer Zeit das Gaskognische als eigene Sprache, während viele andere, wie z.B. Mistral, Lespy, oder Rohlfs (1966, 104 und 179), seine Eigenheiten zwar hervorheben, das Gaskognische jedoch eher als Varietät dem Okzitanischen angliedern (cf. Chambon/Greub 2002, 490; Field 2009, 751f). Eine eindeutige Zuordnung des Gaskognischen wird aber seiner komplexen Situation nicht in Gänze gerecht: Während das (Proto)Gaskognische um spätestens 600 schon seine charakteristischen lautlichen Spezifika herausgebildet hat, war das Okzitanische zu jenem Zeitpunkt noch gar nicht erkennbar. Eine frühe 'Ausgliederung' der gaskognischen Varietät, katalysiert zweifellos durch die Randlage und den Sprachkontakt, ist daher unzweifelhaft. In der Folge hat sich das Gaskognische zugleich in engem Austausch mit den benachbarten okzitanischen Varietäten weiterentwickelt (cf. Chambon/Greub 2002, 492), was eine wechselseitige Annäherung bedingte.

Die Forschungslücke zur Entwicklungsgeschichte und den historischen Eigenarten des Gaskognischen in der südlichen Galloromania war für Kurt Baldinger (1919-2007) der entscheidende Ansatzpunkt für vorliegendes Forschungsprojekt. Die Schaffung des altgaskognischen Wörterbuchs sollte eine völlig neue Grundlage zur Kenntnis dieses bis dahin vernachlässigten Sprachgebiets der Romania schaffen.

 

Quellen und zeitlicher Rahmen

Der DAG ist ein Wörterbuch der altgaskognischen Urkundensprache. Er umfasst den Wortschatz der mittelalterlichen Sprachstufe des Gaskognischen und seinen Varietäten (bes. des Bordelais, der Landais, des Béarnais, des Bigourdin, des Comminges und des Val d'Aran). Die Quellentexte sind juristischer und administrativer Art: Gesetze, notarielle Schreiben, Verordnungen, Verwaltungsdokumente, gerichtliche Akten, Steuerlisten, Testamente, Akten zum Lehnswesen u.a.

Ausgewertet wird die gaskognische Skripta vom Beginn ihrer schriftlichen Überlieferung im 11. Jh. bis 1300 (Konzept Chambon seit 2006) bzw. 1500 (Leitung Baldinger 1955-2006 / DAGél, Glessgen seit 2014). Die von Chambon festgelegte zeitliche Beschränkung des DAG_1300 auf das Jahr 1300 und der Verzicht auf die latinisierten Formen, verringerte das Redaktionsmaterial auf etwa ein Zehntel. Die betrachtete Zeitspanne verkürzte sich auf 150 Jahre, beginnend mit den ersten rein gaskognischen Texten in der Mitte des 12. Jahrhunderts, wobei eine bestimmte Überlieferungsdichte wohlgemerkt erst um 1230/40 einsetzt.

Frühere gaskognische Formen stammen aus lateinischen Kontexten. Die von Glessgen wiederum bis 1500 ausgeweitete zeitliche Limite des DAGél erlaubt die Betrachtung lexikologischen Materials einer um zwei Jahrhunderte breiteren Zeitspanne. Die Beschränkung auf das Jahr 1500 als Terminus ad quem erklärt sich durch den wachsenden Einfluss des Französischen auf das Gaskognische, der schon seit dem 12. Jh. in Ansätzen greifbar ist, sich jedoch als Folge des Albigenserkreuzzugs Anfang des 13. Jh. und vor allem des Hundertjährigen Kriegs verstärkte. Mit der Eingliederung der Gaskogne ins Kronland 1451/53 beginnt das Französische die gaskognische Skripta abzulösen, ein Prozess, der dann 1539 durch die Ordonnance de Villers-Cotterêts endgültig wird. Diese setzt das Französische als einzige Sprache von administrativen und juristischen Texten fest und ersetzt somit die in diesen Textsorten gebräuchliche gaskognische Scripta (cf.Baldinger 1962, 342).

Die Auswertung der Urkundensprache gewährt vielfältige Einblicke in die lebendige Sprachentwicklung der Volkssprache, die durch die formelhafte juristische Ausdrucksweise unmittelbar greifbar wird. Die Gegenstände der Prozesse und Verordnungen waren Menschen und ihre täglichen Probleme, und so findet man die allgemeine Umgangssprache mindestens ebensosehr in Urkunden wie in der Sprache der Belletristik. Ein Wörterbuch der Urkundensprache ist im Übrigen nicht nur für Linguisten von Bedeutung, sondern auch unumgänglich für Historiker.

 

Die Homepage des DAGél (aktuell 800 Wortartikel) wird im Laufe des Jahres 2021 aufgeschaltet werden.

Es sind XSLT-Skripts entwickelt, die die Daten des DAGél in Linked Data (RDF/Turtle) mit OntoLex-lemon und W3C-Standardvokabularen transformiert; siehe dazu die Beschreibung auf der Seite Digitale Ressourcen des DEAF (interner Link).

Forschungsstellenleiter

Prof. Dr. Martin-Dietrich Glessgen, Univ. Zürich | Heidelberger Akademie der Wissenschaften | École Pratique des Hautes Études

 

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
  • Dr. Petra Burckhardt, Heidelberg (DAG_1300 / Redaktion DAGél)
  • Marguerite Dallas, Universität Zürich (Redaktion DAGél)
  • Markus Husar, Heidelberg (IT DAGél)
  • Seraina Montigel M.A., Universität Zürich (Redaktion DAGél)
  • Dr. Sabine Tittel, Heidelberg (verantwortlich für die Programmarchitektur des DAGél)
  • Dr. Nicoline Winkler, Heidelberg (stellvertretende Forschungsstellenleiterin und verantwortlich für die Redaktion des DAG_1300)

Wissenschaftliche Berater (extern)

  • Prof. Dr. Jean-Pierre Chambon, Sorbonne Université, Paris
  • Dr. habil. Jean-Paul Chauveau, CNRS/ATILF, Nancy
  • Prof. Dr. Thomas T. Field, University of Maryland, Baltimore

 

Mitglieder der projektbegleitenden Kommission
  • Prof. Dr. Immo Appenzeller (Heidelberg)
  • Prof. Dr. Marie Guy Boutier (Liège)
  • Dr. habil. Eva Buchi (Nancy)
  • Dr. habil. Jean-Paul Chauveau (Nancy)
  • Prof. Dr. Thomas Field (Baltimore)
  • Prof. Dr. Frank-Rutger Hausmann (Freiburg), stellv. Vorsitzender
  • Prof. Dr. Christian Mair (Freiburg), Vorsitzender
  • Dr. habil. Gilles Roques (Nancy)
  • Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Schweickard (Saarbrücken)
  • Prof. Dr. Maria Selig (Regensburg)
  • Prof. Dr. Achim Stein (Stuttgart)

 

Bände des DAG/DAO
  • Kurt Baldinger et al. (dir.), Dictionnaire onomasiologique de l’ancien gascon (DAG), Tübingen, Niemeyer, 1975- [bisher 20 Faszikel].
  • Kurt Baldinger (dir.), Dictionnaire onomasiologique de l’ancien occitan (DAO), Tübingen, Niemeyer, 1975-2007 [10 Faszikel].
  • Kurt Baldinger (dir.), Dictionnaire onomasiologique de l’ancien occitan. Supplément (DAOSuppl), Tübingen, Niemeyer, 1975-2007 [10 Faszikel].
  • Kurt Baldinger (dir.), Supplément bibliographique du DAO, éd. p. la Commission scientifique du DAO/DAG, Tübingen 1999.
  • Kurt Baldinger (dir.), Index alphabétique du DAO/DAG, rédigé p. Nicoline Hörsch, Tübingen 2000.

 

Bibliographie
  • Kurt Baldinger, La langue des documents en ancien gascon, in : Revue de Linguistique Romane 26 (1962), 331-347.
  • Jean-Pierre Chambon / Yan Greub, Note sur l’âge du (proto)gascon, in : Revue de Linguistique Romane 66 (2002), 473-495.
  • Martin Glessgen / Sabine Tittel, Le Dictionnaire d'ancien gascon électronique (DAGél), in: Roberto Antonelli / Martin Glessgen / Paul Videsott (éds.), Atti del XXVIII° Congresso Internazionale di Linguistica e Filologia Romanza (Roma, 2016), Strasbourg, SLR/ÉLiPhi, 2018, vol. 1, 805-818.
  • Thomas T. Field, Présent et passé de la langue de Gascogne, in: Guy Latry et al., La Voix occitane : Actes du VIIe Congrès de l’Association Internationale d’Études Occitanes, Pessac, Presses de l’université de Bordeaux, 2009, 745-775.
  • Vastin Lespy / Paul Raymond, Dictionnaire béarnais ancien & moderne, 1887.
  • Achille Luchaire, Études sur les idiomes pyrénéens de la région française, Paris, Maisonneuve, 1879.
  • Gerhard Rohlfs, Le gascon, études de philologie pyrénéenne, Tübingen, Niemeyer, 1970.
  • Georges Straka, Langues et parlers de France au Moyen Âge: quelques considérations sur la liberté de leur emploi, Montbrison, Ville de Montbrison, 1987.

 

Download

Zur projektinternen Webseite des DAG (DAG/DAG_1300)

Die Homepage des DAGél (aktuell 800 Wortartikel) wird im Laufe des Jahres 2021 aufgeschaltet werden.

Adresse:

Heidelberger Akademie der Wissenschaften
Karlstraße 4
69117 Heidelberg

Email: HAdW@hadw-bw.de

 

Prof. Dr. Martin-Dietrich Glessgen
Email: glessgen@rom.uzh.ch

 

Weitere Forschungsprojekte

Forschungsstellen

Weltkarte der tektonischen Spannungen World Stress Map (Karlsruhe)


Der Forschungsschwerpunkt des Projektes lag in der Interpretation und numerischer Simulation der Spannungsdaten im Hinblick auf Spannungsquellen sowie regionalen und lokalen Spannungsfeldern.

Forschungsstellen

Der Tempel als Kanon der religiösen Literatur Ägyptens


Hauptziel des Projektes war es, eine Definition dessen zu finden, was das Wesen eines ägyptischen Tempels in griechisch-römischer Zeit ausmacht. Hierzu wurden erstmals die grundsätzlichen Textgattungen, die in den späten Tempeln zu finden sind, über eine detaillierte Form-, Motiv-, Struktur- und Inhaltsanalyse herausgearbeitet.