Evangelische Kirchenordnungen des 16. Jahrhunderts

Laufzeit: von 2002 bis 2017

Vorsitzender der Kommission:

Kirchenordnung Kurfürst Ottheinrichs von der Pfalz 1556

Prof. Dr. Peter Graf Kielmansegg

Forschungsstellenleiter:

Prof. Dr. Dr. h.c. Eike Wolgast

Mitarbeiter:

Dr. Sabine Arend
Dr. Gerald Dörner
Karin Meese M.A.


 

Aufgabe der Forschungsstelle war die Edition evangelischer Kirchenordnungen. Hierzu zählen obrigkeitliche Ordnungen und Mandate, mit denen die reformatorische Lehre und die an ihr ausgerichteten Regeln des menschlichen Zusammenlebens in Territorien und Reichsstädten eingeführt und durchgesetzt wurden.
Die Arbeitsstelle führte das 1902 von Emil Sehling begonnene Editionsprojekt fort, das nach wechselvoller Geschichte immer noch zahlreiche Lücken vor allem im Westen und Norden des Reichs aufwies, die nun geschlossen werden konnten. Die Edition der evangelischen Kirchenordnungen ist im Dezember 2017 planmäßig zum Abschluss gekommen.

Mit der Edition werden Quellen als Grundlage für interdisziplinäre Forschungen zur Verfügung gestellt. Zu den Rezipienten zählen sämtliche historisch ausgerichteten geisteswissenschaftlichen Disziplinen, von der Kirchen- und Rechtsgeschichte bis hin zur Musik- und Kunstgeschichte.

Was sind evangelische Kirchenordnungen?

Fürsten und reichsstädtische Magistrate, die sich zur Einführung der Reformation in ihrem Herrschaftsbereich entschlossen, erkannten die Ämterstruktur und die gottesdienstlichen Regelungen der römischen Kirche nicht mehr an. Sie ergriffen selbst Maßnahmen, um ein reformatorisch ausgerichtetes Kirchenwesen aufzubauen. Die hierfür getroffenen Regelungen wurden bereits von den Zeitgenossen unter der Bezeichnung „Kirchenordnung“ zusammengefasst.
Auf der Grundlage der evangelischen Lehre geben diese Quellen Richtlinien für den Bekenntnisstand eines Territoriums oder einer Reichsstadt, für den Bereich des Kultus, der die Gottesdienste und die übrigen Amtspflichten der Geistlichen umfasste, für eherechtliche Belange sowie für den weiten Bereich der Sittenzucht, ferner für die Leitungsorgane der entstehenden evangelischen Landeskirchen. In vielen Kirchenordnungen finden sich auch Bestimmungen für den Auf- oder Ausbau des Schulwesens.

 
Die Bedeutung der Evangelischen Kirchenordnungen

Mit dem Erlass von Kirchenordnungen übten die Fürsten und reichsstädtischen Magistrate erstmals intensiven Einfluss auf das religiöse Leben ihrer Landeskinder aus.
Die im 16. Jahrhundert formulierten Kirchenordnungen sind die Grundlage, auf der sich kirchliche Verfassungen in den entstehenden protestantischen Landeskirchen herausbildeten.
Durch die enge Verknüpfung von Religion und Politik in der Frühen Neuzeit wirkten die Kirchenordnungen über den engeren kirchlichen Bereich hinaus. Ihre Regelungen sollten dem Frieden und der „guten Ordnung“ des Landes dienen und waren für die Fürsten somit auch ein Mittel zur Intensivierung ihrer Herrschaft.

 
Die Geschichte der Edition

Ende des 19. Jahrhunderts begann der Erlanger Jurist Emil Sehling (1860–1928) mit der Sammlung evangelischer Kirchenordnungen; zwischen 1902 und 1913 gab er fünf Bände heraus. Nach dem Zweiten Weltkrieg führte das Institut für evangelisches Kirchenrecht der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Göttingen das Projekt unter der Leitung von Rudolf Smend, Otto Weber und Ernst Wolf weiter, von dort aus ging die Herausgeberschaft 1970 an J. F. Gerhard Goeters über. Zwischen 1955 und 1980 konnten weitere zehn Bände publiziert werden.

Seit 2002 wird die Edition an der Heidelberger Akademie der Wissenschaften unter der Herausgeberschaft von Gottfried Seebaß († 2008) und Eike Wolgast fortgesetzt und bis 2016 komplettiert. Der an der Akademie bestehende Themenschwerpunkt zur Grundlagenforschung im Bereich der Frühen Neuzeit wird mit der Arbeitsstelle zu den Kirchenordnungen verstärkt.

 
Die Editionsarbeit

Die Einrichtung der Edition basiert auf den von Emil Sehling vor mehr als 100 Jahren erarbeiteten und in der Göttinger Zeit weiterentwickelten Richtlinien, die 2002 nur wenig modifiziert wurden: Der Quellenabdruck wird begleitet von einem textkritischen Apparat, in dem Varianten nachgewiesen sind, und von einem Sachkommentar, der inhaltliche Erläuterungen gibt. Fünf Register erschließen die Quellen und bieten raschen Zugriff auf Personen, Orte, Sachen, Bibelstellen sowie Lieder und Gesänge. Kompakte Einleitungen zu den Texten informieren über die historischen Zusammenhänge und über die Wirkung der einzelnen Stücke im Reformationsprozess.

 
Der Editionsplan
BEREITS ERSCHIENEN:

Emil Sehling (Hg.), Erlangen

Band I und II Sachsen und Thüringen nebst angrenzenden Gebieten (1902/04)

Band III Brandenburg, Ober- und Niederlausitz, Schlesien (1909)

Band IV Preußen, Polen, Pommern (1911)

Band V Baltische Länder, Mecklenburg, Lübeck, Lauenburg, Hamburg (1913)

 

Institut für evangelisches Kirchenrecht der EKD (Hg.), Göttingen

Band VI/1; VI/2 u. VII/1; VII/2, 1 Niedersachsen (1955/57/63/80)

Band VIII Hessen I: Landgrafschaft bis 1582 (1965)

Band XI, XII, XIII Franken, Schwaben, Altbayern (1961/63/66)

Band XIV Kurpfalz (1969)

Band XV Baden-Württemberg I: Hohenlohe (1977)

 

Heidelberger Akademie der Wissenschaften (Hg.), Heidelberg

Band VII/2, 2 Niedersachsen: Grafschaft Schaumburg, Goslar, Bremen (2016)

Band IX Hessen II: Landgrafschaft ab 1582, Waldeck, Solms, Frankfurt u. a. (2011)

Band X Hessen III: Nassau, Hanau-Münzenberg, Ysenburg (2012)

Band XVI Baden-Württemberg II: Württemberg, Baden u. a. (2004)

Band XVII/1; XVII/2 Baden-Württemberg III/IV: Reichsstädte (2007/09)

Band XVIII Rheinland-Pfalz I: Zweibrücken, Veldenz, Sponheim u. a. (2006)

Band XIX Rheinland-Pfalz II: Wild- und Rheingrafschaft, Leiningen, Wied u. a. (2008)

Band XX/1 Elsass I: Straßburg (2011)

Band XX/2 Elsass II: Hanau-Lichtenberg, Colmar, Mülhausen, Weißenburg u.a. (2013)

Band XXI Nordrhein-Westfalen I: Jülich-Kleve-Berg, Minden, Herford, Lippe u.a. (2015)

Band XXII Nordrhein-Westfalen II (2017)

Band XXIV Siebenbürgen (2012)

Band XXIII Schleswig-Holstein (2017)
 
TAGUNGSBAND:

Arend, Sabine / Dörner, Gerald (Hg.), Ordnungen für die Kirche – Wirkungen auf die Welt. Evangelische Kirchenordnungen des 16. Jahrhunderts (Spätmittelalter, Humanismus, Reformation 84), Tübingen 2015