Goethe-Wörterbuch

Goethe-Wörterbuch

Das Goethe-Wörterbuch ist ein individualsprachliches Bedeutungswörterbuch, das den gesamten Wortschatz Goethes, circa 90.000 Stichwörter, in alphabetischer Anordnung und systematisch nach Gebrauchsweisen gegliederten Wortartikeln wiedergibt. Dabei werden Gemeinsprachlichkeit, vielfältige Fachsprachlichkeit und das Besondere der Goetheschen Dichtersprache gleichermaßen berücksichtigt. Das nicht nur für die Erschließung der Goetheschen Dichtung, sondern als Verständnishilfe für alle Texte von Klassik bis Romantik unentbehrlich gewordene Nachschlagewerk befindet sich bereits im letzten Drittel des Alphabets.

Wer wissen will, wie man zwischen Rokoko und Biedermeier über den „Menschen” und die „Nation” sprach, über die „Öffentlichkeit” und das „Private”, über „Politik” und „Polizei”, nicht zuletzt auch über die „Pöbelmajestät” und die „Poltertheorie”, der wird hier fündig. Übersichtlich gegliederte Wortartikel informieren umfassend über die z.T. recht überraschenden Bedeutungsaspekte in der Kinderstube des heutigen Deutsch; belegt werden die Befunde ebenso anschaulich wie unterhaltsam mit Originalzitaten auch aus den Randgebieten von Goethes Schaffen.

Das Goethe-Wörterbuch ist ein interakademisches Projekt. Arbeitsstellen sind neben Tübingen auch in Berlin/Leipzig, betreut durch die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, und in Hamburg, betreut durch die Niedersächsische Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, von Projektbeginn an etabliert.

Goethe zu Wörterbüchern

"Die Reitpferde waren nicht zu erblicken; der große Küchenwagen mit sechs tüchtigen bespannt kam an mir vorbei. Ich bestieg ihn; von Viktualien war er nicht ganz leer, die Küchenmagd aber stak sehr verdrießlich in der Ecke. Ich überließ mich meinen Studien. Den dritten Band von Fischers physikalischem Lexikon hatte ich aus dem Koffer genommen; in solchen Fällen ist ein Wörterbuch die willkommenste Begleitung, wo jeden Augenblick eine Unterbrechung vorfällt, und dann gewährt  es wieder die beste Zerstreuung, indem es uns von einem zum andern führt".

(Campagne in Frankreich. 1792) 

Programm

Im Anfang war das Wort - in unserem Fall: die Schrift, und zwar eine „Denkschrift” des Berliner Altphilologen Wolfgang Schadewaldt. Mit seinem programmatischen Memorandum gelang es ihm Ende 1946, die Deutsche Akademie der Wissenschaften davon zu überzeugen, dem bekanntesten deutschen Dichter ein ebensolches Autorenwörterbuch zu widmen, wie sie für die Hauptrepräsentanten anderer Nationaldichtungen längst selbstverständlich waren.

Schadewaldt hatte sich gezielt an eine der Wissenschaftsakademien gewandt, da er in ihnen die „Dombauhütten” der Forschung sah, denen allein man den langen Atem für ein derartiges Projekt zutrauen konnte. Nach Gründung der Arbeitsstellen Berlin und Hamburg (1947) kam es 1951 zur Gründung der Tübinger Arbeitsstelle an Schadewaldts neuem Lehrstuhl. Etwa drei Jahrzehnte später erfolgte die Aufnahme des Unternehmens Goethe-Wörterbuch in das Akademienprogramm für Langzeitvorhaben.

 

Aufbau der Artikel

Ein größerer Artikel des Goethe-Wörterbuchs baut sich standardgemäß aus acht Teilen auf:

Stichwort, Vorbemerkung, Bedeutungsbeschreibung, Stellenzitate, Stellenangaben, Angaben zu Verwendungsbereichen, Angaben zur Wortbildung, Angaben zur Synonymik.

Die Vorbemerkung kann u.a. enthalten:

  • eine Gliederungsübersicht zu dem Artikel,
  • Angaben zur Schreibung, Lautung, Wortform, Rektion,
  • Angaben zur Frequenz und Verteilung auf die Textgruppen bzw. die Bedeutungen,
  • Angaben zur Wortfeldumgebung,
  • Angaben zur Wort- oder Begriffsgeschichte,
  • Angaben zu Besonderheiten oder Auffälligkeiten des Gebrauchs bei Goethe.

Der Bedeutungsteil ist hierarchisch mit alphanumerischen Gliederungsmarken (I, A, 1, a, α) strukturiert und kann u.a. enthalten:

  • Angaben zu den lexikalischen Bedeutungen, gewöhnlich in Form von Definitionen, Synonymen oder Paraphrasen,
  • Angaben zu Kontrastwörtern,
  • Angaben zu individualtypischen, werk-, figuren- oder kontextspezifischen Bedeutungsmodifikationen, Konnotationen, Wertungen, Perspektivierungen, Referenzen,
  • Angaben zu poesiesprachlichen Besonderheiten, z.B. Metaphorik, Symbolik, Ambiguität, Assoziativität,
  • Angaben zu begrifflich-terminologischer Verwendung.

Angaben zu Verwendungsbereichen (z.B. anatomisch, architektonisch, bergmännisch), Stilmustern (z.B. Briefstil, Amtsstil) und Stilwerten (z.B. scherzhaft, derb) erscheinen gewöhnlich in Verbindung mit den Bedeutungsangaben.

Die Stellenzitate haben die Funktion, die jeweilige Bedeutung zu belegen und zugleich eine Vorstellung von der Vielfalt der Gebrauchsmöglichkeiten in unterschiedlichen Kontexten zu vermitteln. Sprechende Zitate können die Bedeutungserklärung auch ersetzen. Zitate und Stellenangaben können oft nur in strenger Auswahl gegeben werden.

 

Arbeitsstelle Tübingen
Goethe-Wörterbuch Tübingen

Goethe-Wörterbuch Tübingen

Eingang zur Goethe-Arbeitsstelle

Eingang zur Goethe-Arbeitsstelle

 

Goethe-Wörterbuch online

Die Bände I bis VI wurden mit Unterstützung der DFG am Trierer Kompetenzzentrum für elektronisches Publizieren in eine Online-Version  gebracht.

Sie finden das Goethe-Wörterbuch auch auf X und auf Mastodon!

Zur Geschichte des Goethe-Wörterbuchs

Gemeinsamer Artikel der derzeitigen Arbeitsstellen-Leiterinnen Undine Kramer, Elke Dreisbach und Martina Eicheldinger in der Zeitschrift für Germanistik. 

Archivmaterialien der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften zur Projektgeschichte mit  Fotos

Projektbroschüre aus dem Jahr 2004

Wortschatz. Vom Sammeln und Finden der Wörter

Ausstellungskatalog Stadtmuseum Tübingen 2008: Rüdiger Welter, Ein Wortschatz im Wörterbuch, ein Wörterbuch im Museum 

Ausstellungskatalog_Wortschatz_0.pdf

 

Neu hinzugekommene Wörter: Supplementliste, Stand 2024

Supplementliste_2024.pdf

 

Goethes Wörter - Sprachexplosionen

Kolloquium Berlin, Dezember 2021

Wie wir im Goethe-Wörterbuch 'Liebe' gemacht haben
(von Rüdiger Welter)

Wenn Sie wissen wollen, wie im Goethe-Wörterbuch gearbeitet wird, empfehlen wir die Lektüre von:

Welter_Liebe.pdf

Interviews

mit verschiedenen Arbeitsstellenleitern finden Sie hier:

Tübingen: 270 Jahre Goethe - Besuch bei den Mitarbeitern des Tübinger Goethe-Wörterbuchs

70 Jahre Goethe-Wörterbuch: Wie man Goethe verzettelt. Michael Niedermeier im Interview mit Dieter Kassel (Deutschlandfunk Kultur) 

Michael Niedermeier im Interview mit Matthias Heine: War Goethe etwa schon Antifaschist? Der Zitatezerstörer 2. In: DIE WELT, vom 29.9.2019

Michael Niedermeier im Interview mit Matthias Heine: Wollüstiges Weimar. Was Goethes übers "Vögeln" schrieb. Goethes erotischer Wortschatz. In: DIE WELT, vom 19.1.2018

Der "Erfinder" des Goethe-Wörterbuch Wolfgang Schadewaldt spricht anlässlich des Erscheinens der ersten Lieferung 1967 darüber, wie er auf die Idee gekommen ist und wie sich das Projekt entwickelt hat.

 

For english readers:

Georg Objartel, Goethe’s Vocabulary and Semantics in nuce

goethes_vocabulary_objartel.pdf

Goethe-Wörterbuch Tübingen

Goethe-Wörterbuch Tübingen

Arbeitsstellenleitung Tübingen
  • Dr. Martina Eicheldinger
  • Sofia Frys, M.A. (stellv. Forschungsstellenleiterin)
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
  • Moritz Bareiß, M.A.
  • Dr. Volker Hartmann
  • Sontje Schulenburg, M.A.
  • Kornelia Wegenast (Sekretariat und Archiv)
Wissenschaftliche Hilfskräfte
  • Annika Hermann (seit 1.10.2023 studentische Hilfskraft)
  • Malie Johanning (seit 1.10.2023 studentische Hilfskraft)
  • Tilman Scarbath-Evers (seit 1.10.2020 wissenschaftliche Hilfskraft)
Ehemalige Forschungsstellenleiter
  • Dr. Rüdiger Welter
  • Dr. phil. habil. Jutta Heinz
Mitglieder der interakademischen Kommission
  • Prof. Dr. Achim Aurnhammer (Freiburg)
  • Prof. Dr. Barbara Beßlich (Heidelberg)
  • Prof. Dr. Manfred Bierwisch (Berlin)
  • Prof. Dr. Andreas Gardt (Kassel)
  • Prof. Dr. Nikolaus Henkel (Freiburg)
  • Prof. Dr. Ernst Osterkamp (Berlin), Vorsitzender

Goethe-Wörterbuch Tübingen

Erschienene Bände

(Verlag Kohlhammer, Stuttgart)

  • Band 1:   A – azurn (1978)
  • Band 2:   B – einweisen (1989)
  • Band 3:   einwenden – Gesäusel (1998)
  • Band 4:   Geschäft – inhaftieren (2004)
  • Band 5:   Inhalt – Medizinalaufwand (2011)
  • Band 6:   Medizinalausgabe –  Promenade (2018)
  • Band 7:   Promenadentag - (2)sie (2023)
Stimmen zum Goethe-Wörterbuch

Zuschriften zu den ersten Lieferungen des Goethe-Wörterbuchs
(gezogen aus den Akten in Tübingen)

Professor Carl Jacob Burckhardt, La Batie, Schweiz
… dieses ins Wunder der Sprache und ihres tiefen Nachhalls führende Werk … Ich blätterte, bezaubert, begann dann zu lesen und bin jetzt von dieser monumentalen Arbeit ganz erfasst; …

Professor Werner Heisenberg, München
Es freut mich zu sehen, daß die Geisteswissenschaftler hier den gleichen Mut beweisen wie die Naturwissenschaftler, die etwa die Absicht haben, jetzt eine Maschine zu konstruieren, deren Bau zehn Jahre dauern wird und die daher erst am Ende der 70er Jahre die ersten wissenschaftlichen Ergebnisse liefern wird. Bei Ihnen wird das günstiger sein, weil man immerhin aus den ersten Heften schon viel lernen kann.

Professor Cyrus Hamlin, Yale College, New Haven, Connecticut 
... the most important publication on Goethe of the century …

Professor Walter Höllerer, Berlin
Das Lesen dieses Wörterbuchs ist, so seltsam es klingen mag, äußerst spannend.

Professor Fritz Martini, Stuttgart
Es ist so interessant, dass man verführt werden kann, es künftig mehr als Goethe selbst zu lesen.

Professor Dr. Herman Meyer, Amsterdam
unsäglich imposant!

Professor Frederick Norman, Universität London
Hier wird Goethe lebendig; dies ist kein Wörterbuch im landläufigen Sinne.

Professor Emil Staiger, Zürich
… der Grundstein einer gewaltigen Sache … Ich würde es einstweilen kaum mehr wagen, einen dreibändigen Goethe in Angriff zu nehmen.

Professor Erich Trunz, Kiel
Spätere Kommentatoren werden es besser haben. Denen liegt dann das Goethe-Wörterbuch vor

Professor Elizabeth M. Wilkinson, London
… that this Wörterbuch will be the most useful and illuminating Hilfsmittel that any Goethe scholar – indeed any 18. century scholar can possess.

Stephen Ullmann, Professor of French Language and Romance Philology, University of Leeds
Thank you very much for the first instalment of your truly magnificent Goethe-Wörterbuch. I have been reading it, as well as the Introduction which you gave me in Tübingen, with immense pleasure and profit; it makes fascinating reading, and you have eminently succeeded in your aim to make it „zugleich fasslich und gleichsam verständlich für jedermann, ja lesbar“, as you put it so pertinently in the Introduction.

Professor Friedrich Solmsen, Madison, University of Wisconsin
… sieht man mit Bewunderung, wie sorgfältig und mit welchem Verstand alles durchdacht und geplant ist und so wird dies Wörterbuch … Belehrung geben und den Sinn für Goethes sprachliche Schöpfung stärken.
 

Auswahlbibliographie

Die folgende chronologisch angeordnete Literaturliste umfasst sowohl grundlegende Darstellungen des Goethe-Wörterbuchs als auch Weiterführendes zum aktuellen Stand der Printversion und der elektronischen Entwicklungen.

  • HEINZ, Jutta: Facetten eines unterschätzten 'Mehrzweck-Instruments', oder: Wozu ein Goethe-Wörterbuch? In: Goethe-Jahrbuch 139 (2022), S. 151-162.
  • KRAMER, Undine, DREISBACH, Elke, EICHELDINGER, Martina: Von der Wörterbuchidee zur Wörterbuchwirklichkeit. Das Goethe-Wörterbuch. In: Zeitschrift für Germanistik, 33.1 (2023), S. 113-138.
  • NIEDERMEIER, Michael: Goethe im digitalen Wissensraum. Perspektiven für die Vernetzung des Goethe-Wörterbuchs mit lexikografischen, editorischen und archivalischen Ressourcen. In: Gerhard Diehl/Volker Harms (Hg.): Historische Lexikographie des Deutschen. Perspektiven eines Forschungsfeldes im digitalen Zeitalter.  Berlin/Boston 2022,S. 153-172.
  • VON AMMON, Frieder: "Aus der Tasche des Weltlaufes". Unvorgreifliche Gedanken anlässlich der jüngsten Lieferungen des Goethe-Wörterbuchs. In: Goethe-Jahrbuch 137 (2020), S. 195-197.
  • WELTER, Rüdiger: "All You Need Is Love. Sagt Goethe". In: Jahrbuch 2013 der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Heidelberg 2014, 139-145
  • SAUDER, Gerhard: „Ein Thesaurus für Goethe. Das Goethe-Wörterbuch (Rezension), in: IASL-Online (2011)
  • WELTER, Rüdiger: "Wie wir im Goethe-Wörterbuch 'Liebe' gemacht haben. Oder: Lexikographie als akademisches Handwerk", in: D. Bandini/U. Kronauer (Hgg.), 100 Jahre Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Früchte vom Baum des Wissens. Eine Festschrift der wissenschaftlichen Mitarbeiter, Heidelberg 2009, 137-140
  • PTASHNYK, Stefaniya: „Das Goethe-Wörterbuch: ein Instrument der sprach-, kultur- und sozialgeschichtlichen Forschung“, in: Goethe-Jahrbuch 125 (2008), 273-279
  • WELTER, Rüdiger: "Ein Wortschatz im Wörterbuch, ein Wörterbuch im Museum", in: A. te Heesen/B. Tschofen/K. Wiegmann (Hgg.): Wortschatz. Vom Sammeln und Finden der Wörter, Tübingen 2008, 48-57
  • SCHMID, Sigrun Schmid: „Vorschläge zur Neustrukturierung der Vorbemerkungen im Goethe-Wörterbuch“, in: Zeitschrift für Germanistik. Neue Folge XVII (2007), 199-202.
  • RICHTER, Karl: „Goethe-Wörterbuch Bd. 4.7-4.12“ [Rezension], in: Germanistik 48 (2007), 811-812
  • SCHWARZ, Thomas: "Review: Goethe-Wörterbuch [...] Bd.4", in: M. Brahme (Hg.), Translation as Cultural Praxis. Goethe Society of India. Yearbook 2007,  New Delhi 2008, 224-227.
  • KNOOP, Ulrich Knoop: „Das Goethe-Wörterbuch: Erfahrungen und Wünsche“, in: Goethe-Jahrbuch 123 (2006), 208-217.
  • NIEDERMEIER, Michael, OBJARTEL, Georg, WELTER, Rüdiger: „O-Ton Goethe. Das Goethe-Wörterbuch, in: Zeitschrift für Germanistik. Neue Folge. 11.3 (2001), 596-600
  • HAMACHER, Bernd: "Ideen über `Ideen´. Das Goethe-Wörterbuch als Spannungsfeld aktueller disziplinärer und methodischer Herausforderungen", in: Erhart, W. (Hg.): Grenzen der Germanistik. Rephilologisierung oder Erweiterung? , Stuttgart/Weimar 2004 (= Germanistische Symposien. Berichtsbände XXVI), 502-520.
  • VAGET, Hans Rudolf: "Goethe-Wörterbuch" [Rezension], in: Goethe-Yearbook  12 (2004), 258-260
  • GLONING, Thomas/WELTER, Rüdiger: "Wortschatzarchitektur und elektronische Wörterbücher: Goethes Wortschatz und das Goethe-Wörterbuch", in: Lemberg, I./Schroeder, B./Storrer, A. (Hgg.): Chancen und Perspektiven computergestützter Lexikographie. Hypertext, Internet und SGML/XML für die Produktion und Publikation digitaler Wörterbücher, Tübingen 2001 (= Lexicographica: Series Maior; 107), 117-132.
  • OSTERKAMP, Ernst: "Goethe-Wörterbuch 4. Bd., 1.-3. Liefg." [Rezension], in: Zeitschrift für Germanistik NF 3 (2001), 677-679.
  • HOFFMANN, Volker: "Goethe-Wörterbuch. Bd. III: einwenden – Gesäusel" [Rezension], in: Arbitrium. Zeitschrift für Rezensionen zur germanistischen Literaturwissenschaft 2 (2000), 185-190.
  • GLONING, Thomas/SCHLAPS, Christiane: "Prototypen für ein elektronisches Goethe-Wörterbuch", in: Sprache und Datenverarbeitung. International Journal for Language Data Processing 23.2 (1999[2000]), 21-34.
  • GLONING, Thomas: "Das Goethe-Wörterbuch am Ende des dritten Bandes" [Rezension], in: Jahrbuch für Internationale Germanistik XXXI.2 (1999), 234-243.
  • WELTER, Rüdiger: "Zwischen Bedeutung und Benutzer. Zur Mikrostruktur des Goethe-Wörterbuchs", in: Grosse, R. (Hg.): Bedeutungserfassung und Bedeutungsbeschreibung in historischen und dialektologischen Wörterbüchern. Beiträge zu einer Arbeitstagung der deutschsprachigen Wörterbücher, Projekte an Akademien und Universitäten vom 7. bis 9. März 1996, Stuttgart/Leipzig 1998 (= Abhandlungen der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig. Philologisch-historische Klasse 75.1), 145-149.
  • MATTAUSCH, Josef: "Textlexikographische Aspekte im Autorenwörterbuch (am Beispiel des Goethe-Wörterbuches)", in: Goebel, U./Reichmann, O./Barta, P. I. (Hgg.): Historical Lexicography of the German Language II, Lewiston/Queenston/Lampeter 1991, 713-733.
  • MATTAUSCH, Josef: "Das Autoren-Bedeutungswörterbuch", in: Hausmann, F. J./Reichmann, O./Wiegand, H. E./Zgusta, L. (Hgg.): Wörterbücher. Ein internationales Handbuch zur Lexikographie II (= Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft 5.2), Berlin/New York 1990, 1549-1562.
  • FLEIG, Horst: "Über die Metamorphose der Bedeutungen. Das Goethe-Wörterbuch", in: Schweizer Monatshefte 67.11 (1987), 943-953.
  • UMBACH, Horst: "Individualsprache und Gemeinsprache. Bemerkungen zum Goethe-Wörterbuch", in: Zeitschrift für germanistische Linguistik 14 (1986), 161-174.
  • UNTERBERGER, Rose: "Die Totalität des Individuellen. Über das Goethe-Wörterbuch", in: Jahrbuch für Internationale Germanistik XVII.1 (1985), 147-168.
  • UMBACH, Horst: "Das Goethe-Wörterbuch. Beschreibung eines literatur- und individualsprachlichen Wörterbuchs", in: Henne, H. (Hg.): Praxis der Lexikographie. Berichte aus der Werkstatt, Tübingen 1979, 1-19.
  • SCHADEWALDT, Wolfgang: "Einführung", in: Goethe-Wörterbuch, hg. v. der Akademie der Wissenschaften der DDR, der Akademie der Wissenschaften in Göttingen u. der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Bd. I: A – azurn, Stuttgart usw. 1978, III-XV.
  • SCHADEWALDT; Wolfgang: "Das Goethe-Wörterbuch. Eine Denkschrift", Goethe : Viermonatsschr. d. Goethe-Gesellschaft ; neue Folge d. Jahrbuchs, Weimar 1950
  • SCHADEWALDT, Wolfgang: "Panorama der deutschen Sprache: wozu ein Goethe-Wörterbuch?" In: Sprachspiegel 23 (1967)
     

Links
Aktuelles

Band 7 des Goethe-Wörterbuchs liegt jetzt vollständig vor! Der Kohlhammer Verlag blickt aus diesem Anlass auf die bisherige Veröffentlichungsgeschichte zurück:

https://blog.kohlhammer.de/literaturwissenschaft/goethe-war-gut-der-7-band-zum-goethe-woerterbuch-ist-erschienen/

neue Lieferungen

Im Jahr 2023 sind drei neue Lieferungen zu Bd. 7 erschienen  (schleifen-schön, schön-schwach, schwachblau-Sehne):

7.9 demonstriert unter vielem anderen, dass Goethe zu leben wusste; siehe

Schlemmerei, Schlendrian, Schlingel, Schlingschlangschlodi, Schlückchen, Schnippchen, Schnittchen, Schnitzel, Schnudelbutz, Schnupftuchdessert

7.10 zeigt, dass das Schöne (mit Rilke gesprochen) nur des Schrecklichen Anfang ist: 

Schönfärberei, Schöngeist, Schönheitserhaltungslehrer, Schönheitskatechismus, Schönpflästerchen, Schönschmecker, Schönwettertäffelchen - 
Schreckensbild, Schreckensaugenblick, Schreckensmann, Schreckensmärchen, Schreckenspost, Schreckenstraum

7.11. schwankt, schwätzt, schwummelt, schwuppt und schwippt (und hat viel Seele dabei): 

Seelenbehaglichkeit, Seelenfrühling, Seelenmaler, Seelenregister, Seelenruugenuß, Seelenverderber, Seelenverkäufer, Seelenwanderung, Seelenweide

 

Vgl. auch die Rezension von Frieder von Ammon in der FAZ vom 23.01.2024! Eine Betrachtung zur jüngsten Lieferung des Goethe-Wörterbuchs (faz.net)

Weitere Informationen finden Sie auf der Verlagsseite des Kohlhammer Verlags Stuttgart

Wechsler, Wehrstand, Würger, Zank - zur Artikelarbeit im Jahr 2023

Im Jahr 2023 wurden unter anderem Artikel zu folgenden Lemmata erarbeitet: Vorsteller – Vorstellungsweise, vorträumen – Vortrefflichkeit, Wange – Warenumtausch, Wechsel – Wechsler, zu rund 170 der über 250 weg- und Weg-Komposita, ferner weh – Wehrstand, wenigstens – wenigstündig, Wurf – Würger, Wurm – wurmstichig, Wurzel – Wurzelzweig, Zahn – Zahnwirtschaft, Zank – zanksüchtig und Zaum – Zedrat. Damit waren gleichermaßen abwechslungsreiche und in verschiedener Hinsicht anspruchsvolle Partien semantisch zu erschließen.

Dabei erwies sich einmal mehr, dass gerade bei den wenig spektakulären Funktionswörtern, bei Adverbien, Konjunktionen, Pronomen und Fragewörtern wie wenigstens, wann, wieder, wir, deutlich differenziertere Befunde möglich sind, als deren oft eher stiefmütterliche Behandlung im grimmschen Wörterbuch und die ebenfalls meist knappe Präsentation in den neueren gemeinsprachlichen Wörterbüchern vermuten lassen. Nicht nur die gewichtigen und zumeist hochbelegten „Grund- und Wesenswörter“, wie Gott, Liebe, Leben, Geist, Natur, die dem Initiator Wolfgang Schadewaldt ein besonderes Anliegen waren, sondern auch viele gemeinsprachliche Lemmata mit mittlerer oder sogar eher niedriger Frequenz weisen eine überraschend komplexe semantische Struktur auf, wie z.B. Vorstellung oder wesentlich. Diese Beobachtung trifft besonders auf Substantive und Verben mit lebensweltlichem Bezug zu, wie Wurf, Wurm, Wust, Zahn, wanken, wechseln, wegnehmen, wehen oder würzen. So unterscheidet beispielsweise der Artikel Wurzel botanische, kulinarische, pharmakologische, anatomische, linguistische und mathematische Bedeutungsaspekte des Lemmas sowie den übertragenen Gebrauch im Sinn von: Ursprung, Ursache, Grundlage; das semantische Spektrum der Interjektion weh(e) reicht vom Schmerzenslaut und der Äußerung seelischen Leids (spezieller von Angst, Trauer, Mitgefühl, Selbstmitleid) über den Ausdruck düsterer Vorahnungen und die Androhung von Strafe bis zur Verwünschung und Verfluchung im archaisierenden Sprachgestus.

Der Facettenreichtum der Goethe‘schen Sprache erweist sich im Nebeneinander von fachsprachlichen Termini, altertümlichem bzw. altertümelndem Wortgebrauch (z.B. von wannen, wannenhero, Wehtag), bildhaften Übertragungen, okkasionellen Wortprägungen und Neuschöpfungen. Vielfach zeigt sich in seinen Texten der Einfluss der Bibelsprache: Heulen und Zähnklappen (!) nach Matth. 8,12, auch variiert als Zähnklapp- und Grausen, das Bild des Baumes, dem die Axt an die Wurzel gelegt und der somit dem Untergang geweiht ist (nach Luk. 3,9) oder der Vergleich einer wankelmütigen Person mit einem Rohr, das vom Wind hin und her geweht wird (nach Matth. 11,7), sind nur wenige Beispiele hierfür. Ähnlich prägender Einfluss auf Goethes Sprache geht von der antiken Mythologie aus: die Metapher des Zankapfels, der Wechselweg der Dioskuren und der Vergleich des Lasters mit der Hydra, dem siebengehäupteten Wurm, dem Herkules den Garaus machte, sind nur mit Kenntnis ihres mythologischen Hintergrunds zu verstehen.

Durch ihre reiche Phraseologie zeichnet sich insbesondere Goethes Verwendung von Wörtern aus, die Alltagsphänomene bezeichnen. Einige der Redensarten und Sprichwörter sind heute noch in der Umgangssprache geläufig (es weht ein anderer Wind, jemandem die Würmer aus der Nase ziehen, die Zähne zeigen, jemandem auf den Zahn fühlen) oder zumindest noch verständlich (die Wurst nach der Speckseite werfen; bei Zeit auf die Zäune, so trocknen die Windeln). Bei anderen fällt auf, dass ihre Verwendung seit der Goethezeit einem Wandel unterliegt: Im Unterschied zum heutigen Deutsch werden bei Goethe Gelegenheiten, gar manche Lust und sogar Ideen für modische Accessoires vom Zaune gebrochen; eine weitere Gruppe von idiomatischen Ausdrücken ist (leider) nicht mehr gebräuchlich und für den heutigen Leser erklärungsbedürftig: Wer sich mit einem Sachverhalt auskennt und deshalb angemessen handeln kann, weiß, wo die Zäume hängen; wer einen Zahn auf jemand anderen hat, ist ihm bestimmt nicht wohlgesonnen; jemandem die Würmer schneiden spielt an auf die Vorstellung des Narrenschneidens als radikaler Kur von Narrheit. Ein jeder hat seinen Wurm verleiht dagegen der Erkenntnis Ausdruck, dass wir alle mit Marotten und Macken ausgestattet sind; anstelle von Wurst wider Wurst sagt man heute: eine Hand wäscht die andere; den Weinstock mit Würsten binden ist die Übersetzung einer italienischen Redewendung und führt mit einer Reminiszenz an den Menschheitstraum vom Schlaraffenland das Bild eines Lebens in Überfluss und Üppigkeit vor Augen.

Nicht immer problemlos zu erläutern, aber stets vergnüglich zu lesen sind Goethes okkasionelle Fügungen und Wortschöpfungen: die bilder- und wappenstürmende Wut der Französischen Revolution, die verwinkelten Befestigungsanlagen der Stadt Luxemburg, die als Zangen- und Krakelwerk beschrieben werden, Zahnentbindung für das schmerzhafte Zahnen der Enkelin Alma oder der Seufzer im Brief an Riemer vom 14. Januar 1813: die Zeit rutscht weg, man weiß nicht, wo sie hinkömmt, dem man nur von ganzem Herzen zustimmen kann.

Goethes Wortschatz umfasst Fachausdrücke aus verschiedenen Disziplinen. Neben Anatomie (Würfelbein), Mineralogie (Würfelzeolith, Zechstein) und Botanik (Wurzelpunkt – eine Goethe’sche Wortschöpfung, heute als Vegetationspunkt bezeichnet) u.a. auch Heraldik (Wappenschild, der zentrale schildförmige Teil eines Wappens), Technik (gezähnter Bogen als Bauteil eines astronomischen Winkelmessers) und Rechtswissenschaft (zedieren – etwas abtreten). Einen Eindruck von speziellen Fragestellungen der zeitgenössischen Naturforschung vermitteln Goethes Bemerkungen, die er im Rahmen seiner galvanischen Studien zu den Mesmerischen Wannen notierte; hierbei handelt es sich um hölzerne Gefäße, die der therapeutischen Anwendung des Animalischen Magnetismus dienten.

Gelegentlich erlaubt die lexikographische Arbeit auch aufschlussreiche Einblicke in den Alltag der Goethezeit: Dass Goethe zahnarztmäßig im Sinn von marktschreierisch gebraucht, deutet darauf hin, dass die Behandlung von Zahnerkrankungen damals noch überwiegend in der Hand von wandernden Zahnbrechern lag, die auf Jahrmärkten ihre Dienste anpriesen. Andererseits wurden zur selben Zeit bei zahlungskräftigen Patienten bereits ebenso ambitionierte wie schmerzhafte Versuche unternommen, Lücken im Gebiss durch Zahneinsetzen, das Implantieren fremder oder künstlicher Zähne, zu schließen. Wenn von den Mühen und Beschwerden des Reisens um 1800 die Rede ist, denkt man zunächst an schlechte Wege, ungefederte Wagen und betrunkene Kutscher, die den Fahrgästen das Leben schwer machten. Goethe schildert darüber hinaus aus eigener leidvoller Erfahrung, dass in Gasthöfen regelmäßig mit blutsaugendem Ungeziefer zu rechnen war, das seinen Opfern schlimme Wanzenabenteuer und schlaflose Nächte bescherte.

 

Was, weiß, weg, vorübergänglich – zur Artikelarbeit im Jahr 2022

Die Artikelarbeit im Jahr 2022 war geprägt durch einige hochbelegte Funktionswörter wie was (mit beinahe dreitausend Belegen). Was zunächst wie eine reine Fleißarbeit aussieht, ermöglicht doch grundlegende Einsichten in das Wesen der Alltagssprache und ihrer gelegentlichen Kreativität. Was täten wir nicht ohne solche Funktionswörter, die Fragen einleiten? Was kann man an ihnen nicht alles lernen? (das Erstaunen, zum Beispiel). Funktionswörter sind u.a. das, was in der Technik Verbindungsglieder sind (Relativpronomen). Sie bezeichnen auch das, was wir nicht genau fassen können, das gewisse Et-was, das Irgend-was, das nicht genau verstandene Was? Und letztlich sind sie ein durchaus unersetzlicher Bestandteil auch philosophischer Grundfragen: „Was ist der Mensch?“, fragt sich auch Goethe gelegentlich (z.B. WA I 16,175 Vs. 127); oder er sinniert: „Kein Mensch will etwas werden, |  Ein jeder will schon was sein“ (WA I 3,290 Vs. 869f.).

Auch weiß gehörte mit ungefähr zweitausend Belegen zu den hochbelegten Wörtern. Die Vielzahl der Komposita mit weiß- demonstriert die Bedeutung des Farbwortes nicht nur für den engeren Kontext der Farbenlehre oder der Malerei, sondern auch für eine Vielzahl heute kaum noch bekannter Handwerke und Techniken, wie dem Weißanstreichen (in der Radierkunst), Weißbinden (in der Gipserei; derjenige, der den Gipser in einer juristischen Auseinandersetzung mit dem Maler vertritt, ist der Weißbinderadvokat), das Weißen, das Weißnähen (das Nähen oder Verzieren von Weißzeug). Der Weißkäufer ist in der Gaunersprache ein Taschendieb, Weißgeborene sind eine Pferderasse, und das Weißnichtwie eine etwas laxe Übersetzung des französischen Geschmacksattributes des Je ne sais quoi, des undefinierbaren ‚gewissen Etwas‘ in der Schönheitsempfindung.

Manchmal kann man auch aus einer geringen Zahl von Belegen zu einem Stichwort Schlüsse zu Goethes Sprachgebrauch ziehen. So ist das Verb wahrnehmen, das im Gefolge des Empirismus eine zentrale Rolle in den philosophischen Debatten der Aufklärung spielt, eher schwach belegt; demgegenüber sind die Äquivalente gewahren und gewahr (werden) ungleich häufiger nachweisbar, die eher den aktiven Aspekt von Wahrnehmung und die Verbindung des Wortes zur Wahrheit akzentuieren. Das Substantiv Wahrnehmung ist gar ausschließlich in Gesprächsnotaten belegt. Solche Befunde könnten Ausgangspunkte für künftige Untersuchungen zu Goethes spezifisch philosophischem Wortgebrauch im Kontext der zeitgenössischen Debatten werden.

Die Beschäftigung mit dem Verb walten demonstrierte hingegen die Ergiebigkeit vermeintlich trockener Verwaltungswörter. Nicht nur weist die Verwendung eine große semantische Breite auf, die sich in einer Vielfalt von Synonyma niederschlägt: regieren, lenken, Einfluss nehmen, etwas hüten, über etwas wachen, jemanden schützen oder behüten; überhaupt tätig sein, agieren, sich betätigen, leben und wirken; sein Wesen treiben, sich rühren, sich manifestieren, sich äußern – all dies gehört in die Einflusssphäre des Waltens, das zudem eine interessante Facette in der schon von Goethe viel benutzten Wendung des Schalten und Walten (Lassens) hat. So können wir einerseits lesen: „Der Mensch begehrt alles an sich zu reißen, um nur nach Belieben damit schalten und walten zu können“ (WA I 23,19). Andererseits gilt jedoch auch „die innere und äußere Natur zu erforschen, und in liebevoller Nachahmung sie eben selbst walten zu lassen“ (WA I 28,149) als Goethe‘sche Lebensmaxime. Hier zeigt sich eindrucksvoll der ursprünglich intendierte und von vielen Lesern und Rezensenten bestätigte Charakter des Goethe-Wörterbuchs als reiche Zitatenquelle und Lesebuch.

Immer wieder legen Artikel auch aktuelle Bezugsmöglichkeiten frei. So galt schon Goethe der Weizen bei seinen Italienreisen als die Kulturpflanze schlechthin; er symbolisiert, neben dem Wein, blühende Landschaften und eine effiziente Agrartechnik, in der erfolgreich die Spreu vom Weizen getrennt werden kann. Zum Frühstück bei Jacobis gibt es guten eingemachten Weizen, aber nahrhaft und produktiv ist das Getreide auch als Metapherngenerator: So erhofft sich Goethe von einer neuen deutschen Sprachgesellschaft in Anspielung auf den Namen der traditionsreichen Florentiner Accademia della Crusca einen Weizen- und keinen Kleienverein (WA IV 17,306). Einblicke in die Arbeitswelt des Textilgewerbes um 1800 gewährt die Partie Webegeschirr – Weberzettel, wobei Goethe weben und seine Komposita häufig auch als Metaphern der Text- und Gedankenproduktion verwendet und die personifizierte Natur als ewige Weberin bezeichnet (WA I 3,92 Vs. 2). Als harte lexikographische Nuss erwies sich das auf den ersten Blick unscheinbare Adjektiv weich, das durch seine semantische Komplexität überrascht. Dass sich Goethe als Leiter der Wasserbaukommission im Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach intensiv um die Beschaffung von Weidenzweigen für die Uferbefestigung kümmern musste, zeigen Lemmata wie Weidenarbeit, Weidenpacht und Weidenverkauf. Die Spannweite seiner naturwissenschaftlichen Neugier deutet sich in Artikeln wie Walroßschädel, Weichtier oder Weichselzopf an. Dagegen verweist die Goethe‘sche Wortschöpfung Walpurgissack auf eine spezifische Strategie der Selbstzensur im Umkreis der Faust-Dichtung.

Immer wieder stößt man auf Funde, die Beiträge zu gender-Debatten nicht nur in sprachlicher Hinsicht liefern könnten. So können wir im walten-Artikel entdecken: „der Vater waltet im Hause/Fleißig, die thätige Mutter belebt im Ganzen die Wirtschaft“ (WA I 50,246 Vs. 59f.). Wahrsager und Weissager sind zwar im Alphabet nicht weit entfernt, unterscheiden sich aber bei Goethe – und vielleicht auch kulturgeschichtlich insgesamt? – dadurch, dass als Weissager so gut wie ausschließlich Männer bezeichnet werden, während Wahrsager zumeist weiblich und damit Wahrsagerinnen sind. Eine Ausnahme bildet allein Kassandra als Weissagerin; und Goethes Verzweiflung angesichts der politischen Entwicklungen seiner eigenen Zeit (wir befinden uns mitten in der französischen Revolution) klingt einigermaßen aktuell: „Leider muß man nur meistentheils verstummen, um nicht, wie Cassandra, für wahnsinnig gehalten zu werden, wenn man das weissagt, was schon vor der Thür ist“ (WA IV 18,71).

Schließlich noch ein Beispiel für die Ergiebigkeit der Wortbildung mithilfe von Komposita. Zu weg- fallen Goethe nicht etwa nur geläufige Bildungen wie weggeben, weglassen, weglaufen, wegnehmen, wegschmeißen oder wegsehen ein. Es gibt vielmehr auch wegheiraten, wegkapern, wegkaufen, wegklimpern, wegkorrigieren, wegkrapseln, wegkurieren, wegläutern, wegleben, weglesen, wegleugnen, weglöschen. Einiges davon bleibt auf der Ebene des Dialektalen oder privatsprachlichen Gebrauchs: „Ich habe mir auch kleine Tücher um den Hals gekauft, fürchte aber du wirst mir sie wegkrapseln, denn sie werden auch um den Kopf artig stehen“, so schreibt Goethe von seiner Reise in der Schweiz an seine Lebensgefährtin Christiane Vulpius (WA IV 12,349).

Auch in der Sprache ist eben manches nur vorübergänglich, genau wie die „wundernswürdige Gestalt, / Erhabnen Anstand, liebenswerthe Gegenwart“ (WA I 15.1,207 Vs. 9183-9185) – Eigenschaften, die die Götter Faust eben nur auf Zeit, nämlich: vorübergänglich liehen. Die ungewöhnliche Einmalbildung ist offensichtlich vor allem poetisch motiviert, und sie hat sich gegenüber vorübergehend auch nicht etablieren können. Sie zeigt jedoch an einem mikroskopischen Beispiel, wie Goethe scheinbar nur sprachspielerisch, im Vorübergehen, neue Wörter erfindet, die durchaus einen poetischen Mehrwert haben: Denn vorübergänglich akzentuiert den prozessualen Aspekt des sich wie das Wort selbst längenden, in Silben schreitenden Vorübergehens ungleich mehr als das eher sachlich-nüchterne vorübergehend.

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