Malalas-Kommentar

Im 6. Jh. n. Chr. verfasste Johannes Malalas eine Weltchronik – eine Darstellung der Geschichte von Adam bis in seine eigene Zeit. Über den Autor selbst, der außerhalb seiner Chronik so gut wie keine Spuren hinterlassen hat, wissen wir nicht viel. In der heute erhaltenen Fassung reichte die Chronik wahrscheinlich bis zum Tod des Kaisers Justinian (565 n. Chr.), aber aufgrund des Ausfalls einiger Blätter in der Handschrift bricht der uns bekannte Text bereits zwei Jahre vorher ab.

Die Weltchronik des Malalas besitzt herausragende Bedeutung für die mittelalterliche Geschichtsschreibung: Nachfolgende byzantinische Chronisten haben sich nicht nur an ihrem Aufbau orientiert, sondern auch vielfach Teile des Textes übernommen und weiter ausgearbeitet, so dass Malalas’ Werk einen Grundpfeiler der byzantinischen Historiographie darstellt. Die Chronik, die in ihren ersten Büchern biblische Geschichte bietet, welche in die historische und mythologische Überlieferungen der Antike hineingewoben sind, behandelt darüber hinaus – nach der römischen Königszeit, der Geschichte Alexanders und seiner Nachfolger und der Herrschaft des Augustus – in zunehmender Ausführlichkeit die römische Kaiserzeit mit einem Schwerpunkt auf jenen Jahrzehnten, die der Autor selbst erlebt hat, d.h. den Regierungszeiten der Kaiser Zeno (474-491), Anastasios (491–518), Justin I. (518–527) und Justinian (527–565). Gerade für das 6. Jh. stellt dieses Geschichtswerk damit ein grundlegendes Quellendokument dar, aber auch für die älteren Epochen bietet es wichtige Informationen.

Das Werk konnte von der Forschung bisher noch nicht hinreichend erschlossen werden. Aufgabe der Forschungsstelle ist es, diese Lücke zu schließen. Im Zentrum des Vorhabens steht die Erarbeitung eines umfassenden philologisch-historischen Kommentars zur Chronik; gleichzeitig soll der Text durch spezielle Einzeluntersuchungen analysiert, verortet und einem besseren Verständnis zugeführt werden. Das Projekt dient damit auch dem Zweck, unsere Kenntnisse der spätantiken bzw. frühbyzantinischen Historiographie maßgeblich zu erweitern.

Projektziele

Vorrangiges Ziel des Projekts ist die Erarbeitung eines historisch-philologischen Kommentars zur Chronik des Johannes Malalas. Mit diesem Kommentar soll ein Arbeitsinstrument vorgelegt werden, das den Zugang zum Werk erleichtert und eine fundierte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihm ermöglicht.

Das Projekt geht von den letzten Büchern der Chronik aus (beginnend mit dem 18. Buch), da sie die Zeitgeschichte behandeln. In diesem Zusammenhang ist neben dem Quellenwert des Textes für diese Zeit (d.h. für die Jahre 491-565) besonders die Haltung des Autors zu den einzelnen Kaisern zu diskutieren, ferner seine Art der Darstellung zentraler Ereigniskomplexe, die Gewichtung der erzählten Begebenheiten sowie die Bedeutung der Chronik im Gesamt-zusammenhang der Historiographie des 6. Jh.

Die Chronik des Johannes Malalas soll somit zum einen mit dem historisch-philologischen Instrumentarium traditioneller Quellenkritik sowie im Rahmen der Text-Kontext-Analyse untersucht und beschrieben werden, wobei nach Autor, Werk, Gattung, Verwendung von Topoi, Quellen usw. gefragt wird; zum anderen wird es darum gehen, das Werk in einer erweiterten Perspektive im Gesamt-zusammenhang der Memorialkultur im Oströmischen Reich des 6. Jh. – und darüber hinaus – zu verankern, um dadurch neue Erkenntnisse nicht nur über das Werk, sondern auch über die Gesellschaft zu gewinnen, deren integraler Bestandteil es ist.


Forschungsstand

Bis in die 80er Jahre des 20. Jh. hinein wurde die Chronik des Johannes Malalas in weiten Teilen der Forschung als ein von einem ungebildeten Mönch verfasstes Werk minderer literarischer Qualität angesehen. Selbst nachdem erwiesen worden war, dass es sich bei der Verbindung von Mönchtum und mangelnder Bildung um einen Fehlschluss handelte, wurde Malalas’ Chronik weiterhin vernachlässigt oder nur in Einzelaspekten gewürdigt, ohne dass eine fundierte Gesamtbeurteilung vorgelegt worden wäre.

Einen Meilenstein in der Malalas-Forschung stellen die Arbeiten des australischen Malalas-Teams dar, das – neben einer englischen Übersetzung – 1990 einen grundlegenden Sammelband vorlegte. Dieser beinhaltet neben einem Überblick zu Autor und Werk auch weiterführende Studien, die wichtige Impulse für die Beschäftigung mit Malalas gegeben haben.


Johannes Malalas und seine Chronik

Über die Person des Johannes Malalas ist nur sehr wenig bekannt. Er wurde wohl um 490 n. Chr. in Antiocheia in Syrien (h. Antakya, Türkei) oder dessen Umgebung geboren. Entgegen anders lautenden Forschungsmeinungen war er höchst wahrscheinlich kein Mönch, sondern wirkte in der Reichsverwaltung. Eher zu bezweifeln ist auch, dass Johannes Malalas dem Miaphysitismus zuneigte, wie man verschiedentlich aus dem Werk erschlossen hat.

Seine 18 Bücher umfassende Chronik stellt das älteste erhaltene Beispiel einer byzantinischen Weltchronik dar und bietet damit singuläre Einblicke in die Frühphase einer literarischen Gattung, die für das byzantinische Mittelalter zentrale Bedeutung besessen hat. Für die moderne Forschung ist dieses Werk aus mehreren Gründen von hoher Relevanz: Zum einen stellen die letzten drei Bücher, die die vom Autor selbst erlebte Zeit behandeln, eine wichtige Quelle für die Geschichte des 6. Jh. dar. Ihre besondere Relevanz für die althistorische Forschung ist allerdings erst in den letzten Jahren allmählich erkannt worden; seitdem hat sich Malalas’ Chronik als fundamentales zeitgenössisches Referenzwerk etabliert. Sie ermöglicht zudem zahlreiche Einblicke in kultur- und mentalitätsgeschichtlich relevante Aspekte, die über die sonst erhaltenen Quellen – vor allem die klassizistische Profanhistoriographie – nicht gewonnen werden können. Zum anderen besitzt die Chronik großen Wert für Fragestellungen, die auf die Entstehung und Entfaltung christlicher Geschichtsschreibung sowie allgemein der christlichen Memorialkultur der Spätantike zielen. Schließlich lassen sich aus dem Werk auch wichtige Erkenntnisse über die Konzeption von Vergangenheit durch einen christlichen Autor im Oströmischen Reich des 6. Jh. gewinnen.

Die Weltchronik beginnt mit Adam und der Erschaffung der Welt und bricht kurz vor dem Tod Kaiser Justinians (565) ab. Ob dieses Ereignis den ursprünglichen Endpunkt des Werkes dargestellt hat bzw. darstellen sollte, ist umstritten. Die Bücher 1–6 enthalten biblische Geschichte, in die Malalas historische und mythologische Überlieferungen zur altorientalischen und griechischen Geschichte eingearbeitet hat. In Buch 7 wird die römische Frühzeit behandelt, Buch 8 ist Alexander dem Großen und der hellenistischen Geschichte gewidmet, Buch 9 der Vorgeschichte des Prinzipats des Augustus. Die Werkmitte (ab Buch 10) bildet mit der gleichzeitigen Menschwerdung Christi und der Herrschaft des Augustus einen erkennbaren Einschnitt. Die Bücher 10–12 umfassen die Kaiserzeit bis Diokletian (284–305), während die folgenden beiden Bücher die spätantike Geschichte von Konstantin (306–337) bis Leon II. (474) beinhalten. Bis zu diesem Punkt beruht die Chronik des Malalas auf schriftlichen Quellen, wohl vor allem auf früheren, heute verlorenen Chroniken. Ab Buch 15 behandelt jedes Buch die Herrschaft eines einzelnen Kaisers: Buch 15 die Herrschaft Zenons (474–491), Buch 16 die des Anastasios (491–518), Buch 17 die Justins I. (518–527), das besonders umfangreiche Buch 18 schließlich die Herrschaft Justinians (527–565). Für diese Bücher konnte sich Malalas auch auf mündliche Berichte bzw. Autopsie stützen, wie er


Die Überlieferung

Bei der Überlieferung der Malalas-Chronik ist zwischen Buch 1 und den Büchern 2–18 zu unterscheiden. Hauptzeuge für Letztere ist der Codex Bodleianus Baroccianus 182 aus dem 11. / 12. Jh., eine Handschrift, die leider erhebliche Beschädigungen und Verluste aufweist. So fehlen Buch 1, Teile von Buch 5 und 18 sowie der Schluss des Werkes ab dem Jahr 563. Überdies ist mittlerweile klar, dass der Baroccianus nicht den Originaltext (sog. ‚Ur-Malalas’) bietet, sondern eine später überarbeitete und, v.a. in den Büchern 17–18, teilweise erheblich gekürzte Fassung.

Zur Ergänzung dieser Lücken müssen Autoren, die noch den ‚Ur-Malalas’ (oder ihm nahestehende Versionen) benutzt haben, ausgewertet werden, insbesondere Johannes von Ephesos, Euagrios, das Chronicon Paschale, Johannes von Nikiu, die Theophanes-Chronik sowie die Exzerpte des Konstantinos VII. Porphyrogennetos. Dazu kommen noch der Laterculus Malalianus, ferner eine, ihrerseits nicht vollständige, slawische Übersetzung aus dem 10. / 11. Jh. sowie die sog. Fragmenta Tusculana – Auszüge aus dem Text, die wohl noch im 6. Jh. oder am Anfang des 7. Jh., also nahe an Malalas’ Zeit, entstanden sind. Das 1. Buch der Chronik ist noch in zwei Handschriften aus dem 10. Jh. überliefert, allerdings ebenfalls in einer nachträglich überarbeiteten Fassung.


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Neben einem am Ende der Projektlaufzeit zu veröffentlichenden gedruckten Kommentar entsteht ein ständig aktualisierter Online-Kommentar (externer Link), der dem interessierten Fachpublikum eine passgenaue Hilfestellung zur Analyse einzelner Textpassagen oder schlicht zur Textsuche bieten soll. Der Online-Kommentar ist vorübergehend außerhalb des Netzwerks der Universität Heidelberg nicht erreichbar (s. die Meldung des Rechenzentrums).

Der Online-Kommentar ist über die ISSN 2569-7463 mit der Zeitschriftendatenbank (ZDB) (externer Link) verlinkt.

Die Bände der Reihe Malalas Studien (externer Link) sind zwei Jahre nach ihrem Erscheinen im Open-Access Repositorium der UB Heidelberg verfügbar.

Personen
Forschungsstellenleiter

Prof. Dr. Mischa Meier

Mitarbeiter
Ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
Mitglieder der projektbegleitenden Kommission
  • Prof. Dr. Wolfram Brandes (Frankfurt)
  • Prof. Dr. Rajko Bratoz (Ljubljana)
  • Prof. Dr. Hans Günter Dosch (Heidelberg)
  • Prof. Dr. Hermann H. Hahn (Karlsruhe)
  • Prof. Dr. Andreas Holzem (Tübingen)
  • Prof. Dr. Silke Leopold (Heidelberg)
  • Prof. Dr. Stefan Maul (Heidelberg)
  • Prof. Dr. Bernd Schneidmüller (Heidelberg), stellvertretender Vorsitzender
  • Prof. Dr. Claudia Tiersch (Berlin)
  • Prof. Dr. Bernhard Zimmermann (Freiburg), Vorsitzender
Malalas-Studien

Franz Steiner Verlag, Stuttgart

Olivier Gengler/Mischa Meier(Hrsg.), Johannes Malalas: Der Chronist als Zeithistoriker (Malalas Studien 4), Stuttgart 2022.

Jonas Borsch/Olivier Gengler/Mischa Meier(Hrsg.), Die Weltchronik des Johannes Malalas im Kontext spätantiker Memorialkultur (Malalas Studien 3), Stuttgart 2018.

Laura Carrara/Mischa Meier/Christine Radtki-Jansen (Hrsg.), Die Weltchronik des Johannes Malalas. Quellenfragen (Malalas-Studien 2), Stuttgart 2017.

Mischa Meier/Christine Radtki/Fabian Schulz(Hrsg.), Die Weltchronik des Johannes Malalas. Autor – Werk – Überlieferung (Malalas Studien 1), Stuttgart 2016.

Weitere Publikationen der Projektmitglieder finden Sie auf den persönlichen Webseiten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Tagungen

Online-Kommentar zur Chronik des Johannes Malalas

Malalas Studien (free access)

Seminar für Alte Geschichte der Universität Tübingen

 

Schwesterprojekte und Kooperationspartner:

„Chronicon Paschale“ (FWF/Österreichische Akademie der Wissenschaften, Prof. Dr. Chr. Gastgeber)

„Kleine und Fragmentarische Historiker der Spätantike (KFHist)“ (Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste/Universität Düsseldorf, Prof. Dr. B. Bleckmann & Prof. Dr. M. Stein)

„Kommentar zu Prokops Geheimgeschichte  (DFG/Universität Würzburg, Prof. Dr. R. Pfeilschifter)

Late antique historiography (ERC/FWO/Universität Ghent, Prof. Dr. P. Van Nuffelen)

„Prokop und die Sprache der Bauten“ (DFG/Universität Mainz, Prof. Dr. G. Brands & Prof. Dr. M. Horster)

Aktuelle Entwicklungen in der Forschungstelle können auf Twitter nachverfolgt werden:

@JohannesMalalas

Postadresse

Projekt Malalas

Universität Tübingen

Seminar für Alte Geschichte

Wilhelmstr. 36 | 72074 Tübingen

Besucheradresse

Keplerstr. 2, Raum 45 und 46 | 72074 Tübingen

Telefon

Prof. Dr. Mischa Meier: +49 (0) 7071/ 29 78520

E-Mail

malalas[at]adw.uni-heidelberg.de

Web-Redaktion dieser Projektseite

Dr. Olivier Gengler

Weitere Forschungsprojekte

Forschungsstellen

Weltkarte der tektonischen Spannungen World Stress Map (Karlsruhe)


Der Forschungsschwerpunkt des Projektes lag in der Interpretation und numerischer Simulation der Spannungsdaten im Hinblick auf Spannungsquellen sowie regionalen und lokalen Spannungsfeldern.

Forschungsstellen

Der Tempel als Kanon der religiösen Literatur Ägyptens


Hauptziel des Projektes war es, eine Definition dessen zu finden, was das Wesen eines ägyptischen Tempels in griechisch-römischer Zeit ausmacht. Hierzu wurden erstmals die grundsätzlichen Textgattungen, die in den späten Tempeln zu finden sind, über eine detaillierte Form-, Motiv-, Struktur- und Inhaltsanalyse herausgearbeitet.