Ausgezeichnete Personen
Mit einem Gesamtwert von 85.000 Euro wurden dieses Jahr acht junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Baden-Württemberg für ihre Arbeiten ausgezeichnet. Mit den gestifteten Preisen sollen Forschende während ihrer frühen Karrierephase ermutigt und ihre Wissenschaft unterstützt werden.
Die Preise wurden im feierlichen Rahmen der Jahresfeier der Heidelberger Akademie der Wissenschaften am 20. Juni vergeben.
Jun.-Prof. Dr. Lena Barra
Der Akademiepreis (interner Link), der 1984 vom Verein zur Förderung der Heidelberger Akademie der Wissenschaften gestiftet wurde, geht 2026 an Jun.-Prof. Dr. Lena Barra von der Universität Konstanz. Die Chemikerin wird für ihre Arbeiten auf dem Gebiet der Enzym- und Naturstoffforschung ausgezeichnet.
Naturstoffe nehmen als Leitstrukturen für Arzneimittel seit jeher eine zentrale Rolle ein. Während sich die Forschung traditionell auf etablierte Klassen konzentriert, verfolgt Frau Barra das Ziel, jenseits dieser Systeme neuartige Stoffwechselwege zu erschließen. Damit gelingt der Zugang zu bisher unbekannten molekularen Strukturen und Funktionalitäten, die neue Perspektiven für biomedizinische und biotechnologische Anwendungen eröffnen. Im Fokus der ausgezeichneten Arbeiten stehen nicht-klassische Terpene. Frau Barra konnte zeigen, dass die Natur das grundlegende Strukturprinzip dieser Naturstoffklasse, die sogenannte Isoprenregel, durchbricht, nach der Terpene stets aus Vielfachen von fünf Kohlenstoffatomen aufgebaut sind. Die von ihr entdeckten Naturstoffe enthalten ein zusätzliches Kohlenstoffatom in Form einer Methylgruppe und beruhen auf neuartigen enzymatischen Mechanismen. Die besondere Bedeutung der Entdeckung liegt darin, dass bereits kleinste strukturelle Veränderungen wie das Einfügen einer Methylgruppe die Eigenschaften eines Moleküls drastisch beeinflussen können, ein Phänomen, das als „magischer Methyl-Effekt“ bekannt ist und für Terpene bislang nahezu unerforscht ist. Frau Barras Arbeiten zeigen nicht nur, dass die Natur Methylierungen in Terpengerüsten systematisch nutzt, sondern eröffnen auch neue Möglichkeiten, die zugrunde liegenden Enzyme als Werkzeuge zu entwickeln, um Methylierungen gezielt einzuführen und so neue Moleküle mit maßgeschneiderten Eigenschaften für pharmazeutische und industrielle Anwendungen herzustellen.
Dr. Hannah Kanz
Angesichts der großen Bedeutung kultur- und sozialwissenschaftlicher Forschung stiftete die Firma Witzenmann GmbH 1997 den Walter-Witzenmann-Preis (interner Link) zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses in Baden-Württemberg. Honoriert werden Arbeiten, die sich wichtigen gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen und/oder den Möglichkeiten und Auswirkungen technologischer Transformation widmen und bei historischen Arbeiten den Bezug zur Gegenwart erkennen lassen.
In diesem Jahr wird die Ethnologin Dr. Hannah Kanz (Universität Freiburg) mit dem Walter-Witzenmann-Preis für ihre Dissertation „Offline-Sein. Eine Ethnographie von Praktiken der Entnetzung“ ausgezeichnet. Darin analysiert die Preisträgerin neue gesellschaftliche und individuelle Formen der Medien- und Technikkritik und des zeitgenössischen Smartphone-Verzichts als Entnetzung und zeichnet dabei ihre kulturellen und sozialen Bedingungen nach. In der ethnographischen Studie untersucht Frau Kanz soziotechnische Imaginäre und Praktiken, die Entnetzung als einen qualitativ anderen Zustand hervorbringen. Dafür arbeitet sie die Konstruktion von Offline-Räumen heraus, analysiert technische Objektpotentiale und neu entstehende Alltagsrhythmen. Am Ende ist Entnetzung mit der grundlegenden Frage danach verbunden, wie Menschen in Beziehung treten wollen – mit sich selbst und mit ihren technischen und soziomateriellen Um-Welten.
TT.-Prof. Dr. Benjamin Schäfer
Der Ökologiepreis der Viktor & Sigrid Dulger Stiftung (interner Link) gilt der Förderung von wissenschaftlichen Arbeiten aus den Geistes‑, Sozial‑ und Natur‑ sowie Ingenieurwissenschaften, die sich mit Umweltproblemen und deren Lösung befassen.
TT-Prof. Dr. Benjamin Schäfer, der dieses Jahr mit diesem Preis ausgezeichnet wird, arbeitet daran, die Stabilität und Widerstandsfähigkeit des Stromnetzes durch transparente, erklärbare KI-Methoden zu erhöhen. Er kombiniert physikalische Modellierung, maschinelles Lernen und offene Daten, um Fluktuationen im Energiesystem zu quantifizieren und deren Ursachen zu erklären. In seiner ausgezeichneten Arbeit hat Schäfer zusammen mit Kollegen aus Potsdam, Oldenburg, London (UK), Ås (NO), Dresden und Klagenfurt ein datengetriebenes Lastprofil entwickelt. Mit diesem könnte künftig das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage besser reguliert werden. Energieversorger schätzen mithilfe von Verbrauchsdaten den benötigten Strom auf einer Zeitskala von Sekunden bis Tagen. Diese Schätzungen basieren auf einem Standardlastprofil, das teils auf Messungen basiert, die viele Jahre in der Vergangenheit liegen. Moderne Haushalte besitzen nun allerdings neuartige und volatile Geräte (Photovoltaik, Elektroautos, smarte Geräte), die zu schnellen Verbrauchsschwankungen führen können. Um das Stromsystem auch in Zukunft stabil und kostenoptimal zu betreiben, benötigen wir daher flexible Methoden, um Stromverbräuche hochaufgelöst abzuschätzen. „Je besser wir den Verbrauch vorher kennen, umso besser kann die Stromerzeugung oder Zwischenspeicherung geplant werden“, so Schäfer.
PD Dr. Christian Neumann
Um den wissenschaftlichen Nachwuchs zu ermutigen und herausragenden wissenschaftlichen Leistungen die ihnen gebührende Anerkennung zu sichern, hat der Unternehmer Dr. Dr. h.c. Manfred Fuchs einen Forschungspreis zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses in Baden-Württemberg gestiftet.
2026 wird Privatdozent Dr. Christian A. Neumann mit dem Manfred-Fuchs-Preis (interner Link) für seine Habilitationsschrift ausgezeichnet, in der er das Thema Alter und Altern mittelalterlicher Herrscher untersucht. Das Alter(n) ist ein universelles und facettenreiches Phänomen: Es handelt sich sowohl um einen graduell ablaufenden biologischen Prozess als auch um eine historisch variable Konstruktion. Daher lässt sich das Alter(n) im Spannungsfeld von Natur und Kultur verorten. Vor diesem Hintergrund erscheint es aus der Optik der Mediävistik, in der dem Thema ein stetig steigendes Interesse zukommt, für ein tiefergehendes Verständnis des Phänomens sinnvoll, dieses nicht nur mit den Theorien und Methoden des eigenen Faches, sondern interdisziplinär zu erforschen. Dafür bietet es sich an, eine Verschränkung mit der modernen Gerontologie zu suchen, die sich dem Alter(n) etwa in Biologie, Medizin, Psychologie und Soziologie widmet. Aus der Zusammenführung von Mediävistik und Gerontologie ist der Ansatz der „Gerontomediävistik“ entstanden, der beide bisher getrennten Wissenschaftstraditionen kombiniert, um neue empirische Erkenntnisse zu gewinnen, diese stärker zu theoretisieren sowie gerontologische Konzepte am vormodernen Material zu überprüfen. Angewandt wird dieser Ansatz auf das Thema Alter und Herrschaft im Hoch- und Spätmittelalter. Als übergreifende Frage kann diejenige nach der Relevanz des Faktors „Alter“ für menschliches Handeln formuliert werden, untersucht am Beispiel politischer Machtträger, für die besonders umfangreiche Quellen vorliegen. Altersdiskurse, insbesondere der medizinische Diskurs und die Frage nach dem idealen Herrschaftsalter, narrative Darstellungen alter Herrscher und ihr praktischer Umgang mit dem Alter(n) werden komparatistisch anhand dreier Fallstudien untersucht: Venedig als weltliches Wahlsystem, das Papsttum als geistliches Wahlsystem und England als Erbmonarchie. Durch die gerontomediävistische Perspektive können diesen etablierten Forschungsfeldern neue Impulse gegeben werden.
Dr. Franziska Hentzschel
Die Schmeil-Stiftung hat 2016 den Otto-Schmeil-Preis (interner Link) zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses in der biologischen und medizinischen Forschung gestiftet. Der Preis ist dem Gedenken an den Biologen Otto Schmeil gewidmet und wird alle zwei Jahre von der Heidelberger Akademie der Wissenschaften verliehen. Die Biologin Dr. Franziska Hentzschel beschäftigt sich in ihrer Forschung mit der Frage, wie sich die Vermehrung des Malaria-Erregers verhindern lässt. Für Ihre bahnbrechende Arbeit wird sie jetzt mit dem Otto-Schmeil-Preis ausgezeichnet.
Malaria wird durch einzellige Parasiten der Gattung Plasmodium verursacht, die von der Anopheles-Mücke auf den Menschen übertragen werden. Für die Weiterverbreitung müssen sich die Parasiten im Mückendarm vermehren und männliche sowie weibliche Geschlechtszellen bilden. Besonders auffällig ist die Entwicklung der männlichen Gameten: Innerhalb von etwa 15 Minuten vervielfältigt der Parasit sein Erbgut dreimal und verteilt es auf acht bewegliche, spermienähnliche Zellen. Der Mechanismus dieser präzisen Verteilung war bislang unklar.
In der Studie wurde ein bisher übersehener Proteinkomplex identifiziert, der dafür entscheidend ist: eine ungewöhnliche Variante des actin-related protein 2/3 (Arp2/3)-Komplexes. Während dieser in anderen Eukaryoten verzweigte Aktin-Netzwerke im Zytoplasma organisiert, galt er in Malaria-Parasiten lange als nicht vorhanden. Wir konnten jedoch zeigen, dass Plasmodium eine stark veränderte, spezialisierte Form besitzt, die während der Bildung männlicher Geschlechtszellen aktiv ist.
Ausgangspunkt war das Protein ARPC1, die vermeintlich einzige bekannte Arp2/3-Untereinheit im Parasiten. Wird ARPC1 ausgeschaltet, sterben die Parasiten in der Mücke, da das Erbgut bei der Bildung männlicher Gameten fehlerhaft verteilt wird. Zwar können diese noch befruchten, doch die Entwicklung bricht später ab, sodass keine Übertragung mehr erfolgt.
Weitere Analysen zeigten, dass ARPC1 Teil eines neuartigen, Plasmodium-spezifischen Arp2/3-Komplexes mit nur fünf Untereinheiten ist. Dieser wirkt nicht im Zytoplasma, sondern im Zellkern, wo er mit der mitotischen Spindel und den Kinetochoren interagiert, die Aktin-Polymerisation fördert und so die korrekte Erbgutverteilung sicherstellt.
Die Ergebnisse zeigen, dass dieser Komplex eine Schlüsselrolle bei der Vermehrung des Erregers spielt und einen vielversprechenden Ansatzpunkt für neue Strategien zur Unterbrechung der Malaria-Übertragung bietet.
Dr. Joey Rauschenberger
Der von Manfred Lautenschläger durch seine Stiftung ermöglichte Preis kommt gezielt den Geistes- und Kulturwissenschaften zugute, die er als Orientierungswissenschaften für unsere Gegenwart mit Fokus auf Geschichte, Gesellschaft und Kultur begreift. Er soll für junge Forschende „Anerkennung“ und „Motor“ zugleich sein.
Dieses Jahr wird der Historiker Dr. Joey Rauschenberger mit dem Manfred-Lautenschläger-Preis (interner Link) für seine Dissertation über Wiedergutmachung für Sinti und Roma, denen NS-Unrecht in Baden-Württemberg widerfuhr, ausgezeichnet.
Im Zweiten Weltkrieg sollten Sinti und Roma nach dem Willen der nationalsozialistischen Machthaber in Europa ausgelöscht werden. Die auch in der Forschung präsente Vorstellung, dass den Überlebenden dieses Völkermords nach 1945 eine Wiedergutmachung verweigert worden sei, unterzieht Joey Rauschenberger einer gründlichen empirischen Überprüfung. Er untersucht erstmals umfassend, am Beispiel Baden-Württembergs, wie Sinti und Roma in der Bundesrepublik entschädigt wurden. Dabei ergibt sich ein weitaus differenzierteres Bild als bisher. Die große Mehrheit der antragstellenden Sinti und Roma hat Zahlungen erhalten, die oft durchaus substanziell waren. Rauschenberger ordnet die Verfahren in ihre administrativen Kontexte ein und entwirft eine exemplarische Mikrogeschichte der südwestdeutschen Entschädigungsverwaltung. Sie legt das komplexe Geflecht menschlicher Interaktion zwischen Sachbearbeitern, Antragstellenden, Rechtsanwälten und anderen Akteuren offen, die das Entschädigungsverfahren zur „Kontaktzone“ machte. Alltägliche Begegnungen, erfahrungsbedingte Erwartungen, tiefsitzende Vorurteile und spontane Handlungen beeinflussten die Praxis und Wahrnehmung von Wiedergutmachung. Dabei entstehende Enttäuschungen überschatteten und konterkarierten oftmals die materiell geleistete Entschädigung.
Dr. Maximilian Dax
Der Hector Stiftung-Preis (interner Link) richtet sich an junge Forschende der Informatik und würdigt deren herausragende wissenschaftliche Leistungen. Dieses Jahr erhält Dr. Maximilian Dax die Auszeichnung für seine Arbeit zur Gravitationswellenastronomie. Er nutzt dafür maschinelles Lernen, um Daten verschmelzender Neutronensterne schneller auszuwerten und physikalische Eigenschaften effizienter zu bestimmen.
Verschmelzende Neutronensterne senden zwei Arten von Signalen aus: Gravitationswellen und elektromagnetische Strahlung. Die Beobachtung dieses Lichts bietet enormes wissenschaftliches Potenzial, um Begleiterscheinungen wie eine Kilonova zu untersuchen, setzt jedoch voraus, dass Teleskope rechtzeitig in die richtige Richtung blicken. Da Gravitationswellen-Detektoren den gesamten Himmel erfassen, eignen sie sich am besten für die Lokalisierung, sofern die Datenanalyse schnell genug erfolgt. Herkömmliche Methoden benötigen oft eine halbe Stunde, was für die Beobachtung der unmittelbar nach der Verschmelzung einsetzenden Prozesse zu langsam ist. In der aktuellen Arbeit stellen der Physiker und sein Team eine Methode des maschinellen Lernens vor, die eine gemessene Gravitationswelle analysiert und darauf basierend in nur einer Sekunde die Position der Neutronensterne sowie weitere wichtige Eigenschaften schätzen kann. Diese Beschleunigung könnte es in Zukunft ermöglichen, Teleskope fast zeitgleich mit der Verschmelzung auszurichten und so die Forschung an diesen extremen astrophysikalischen Ereignissen voranzubringen.
Die Methode, genannt DINGO-BNS (Deep Inference for Gravitational-wave Observations from Binary Neutron Stars), basiert auf tiefen neuronalen Netzen, die mit Milliarden von simulierten Gravitationswellen trainiert werden und dabei lernen, relevante Informationen aus Messungen zu extrahieren. Eine entscheidende Komponente ist eine neu entwickelte Technik, die physikalische Zusammenhänge nutzt, um Gravitationswellen-Messungen zu komprimieren. Erst dadurch wird die effiziente Analyse möglich, denn die rohen Daten sind zu hochdimensional und komplex für neuronale Netze.